Marble Interiors: Stein und Architektur

Stein als aktives Element der Architektur

Die auf der Marmomac präsentierte und vom Architekten Davide Fabio Colaci kuratierte Ausstellung Marble Interiors vereint zehn Projekte, in denen Marmor und Naturstein zu aktiven Bestandteilen des architektonischen Raums werden.
Anhand von Fotografien, Zeichnungen, Intarsien und physischen Mustern erzählt die Ausstellung vom Dialog zwischen Material und Technik. Sie zeigt Kompositionen und Bearbeitungen, die Oberflächen in eine gestalterische Sprache verwandeln. Marimar wirkte an der Realisierung der Ausstellung mit der Auswahl und Lieferung der Natursteine sowie der Herstellung der Mosaike mit.

Vier Projekte, vier Interpretationen von Naturstein

Aus den zehn ausgestellten Projekten haben wir vier ausgewählt, die unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten von Naturstein in der Architektur zeigen. Eine Decke, eine Raumkulisse, ein Portal und eine Säule veranschaulichen, wie das Material die Wahrnehmung eines Raums erweitern, ein Kunstwerk umschließen, getrennte Bereiche miteinander verbinden oder einem tragenden Element neue Bedeutung verleihen kann.

Die Decke: ein grenzenloser Innenraum

American Bar, Vienna — Adolf Loos, 1908

In der American Bar in Wien verwandelt Adolf Loos nur 27 Quadratmeter in ein überraschend großzügiges Raumerlebnis. Marmor, Spiegel und Reflexionen schaffen einen Innenraum, dessen Grenzen sich scheinbar auflösen. Die traditionell aus Holz gefertigte Kassettendecke wird mit Stein neu interpretiert. Gemeinsam mit den Pilastern aus grünem Marmor spiegelt und vervielfacht sie sich optisch und erzeugt so den Eindruck eines endlosen Himmels.

Diese räumliche Wirkung verbindet sich mit einem äußerst bewussten Einsatz des Materials: Eine einzige Platte wird geteilt und neu zusammengesetzt, damit die Maserung auch über unterschiedliche Ebenen hinweg durchgehend verläuft. Die natürliche Zeichnung des Marmors wird so zu einem Mittel, um Tiefe, Rhythmus und Kontinuität zu schaffen.

Entdecken Sie im Projekt Marble Bar, wie Naturstein die American Bar neu interpretiert.

Karntner Bar Vienna, Adolf Loos – Martin Gerlach photo

Museo Civico di Milano d’ Arte Antica, Castello Sforzesco – photo Paolo Monti

Die Raumkulisse: Stein als schützende Hülle

Museum für Alte Kunst, Castello Sforzesco, Mailand — BBPR, 1956

Im Museumskonzept des Architekturbüros BBPR war Michelangelos Pietà Rondanini von einer Struktur aus übereinandergesetzten Blöcken aus Pietra Serena umgeben. Die polygonale Nische wurde als offene Hülle konzipiert, die die Skulptur schützt und sie den Betrachtenden schrittweise offenbart. Die Struktur besaß eine doppelte Natur: zur Skulptur hin konkav und umschließend, zum Ausstellungsraum hin konvex und eigenständig. Beim Annähern verdeckte das Volumen zunächst die Pietà und machte ihre Entdeckung zu einem allmählichen Erlebnis.

Durch die Verbindungen zwischen den Blöcken entstand aus einzelnen Steinelementen eine durchgehende, umhüllende Oberfläche. Die graue, matte und relativ gleichmäßige Pietra Serena bildete zudem einen kontrollierten Kontrast zum Marmor der Skulptur und betonte deren Präsenz, ohne sie zu dominieren.

Das Portal: Spuren aus Stein

Sanierung dreier historischer Gebäude, Antwerpen — Bovenbouw Architectuur, 2012–2018

Im Projekt von Bovenbouw Architectuur in Antwerpen wird Stein zum verbindenden Element zwischen drei ehemals unabhängigen historischen Gebäuden. Die Trennlinien der ursprünglichen Struktur werden nicht beseitigt, sondern in Orte des Übergangs verwandelt. Neue Portale machen aus Grenzen Schwellen und setzen die verschiedenen Bereiche der Architektur miteinander in Beziehung. Die Verkleidung aus polychromen Marmorplatten macht diese Übergänge unmittelbar erkennbar, während Farben, Maserungen und Materialkombinationen ihnen eine eigenständige Präsenz verleihen.

Der Stein wird so zu einer sichtbaren Spur der Veränderung: Er bewahrt die Erinnerung an die frühere Trennung und macht zugleich die neue räumliche Kontinuität erkennbar.

Antwerp, Bovenbouw Architectuur, 2012 – 2018 – photo Filip Dujardin

Fisch 18, Lübeck — Henrik Becker, 2022

Die Säule: Material als Präsenz

Fisch 18, Lübeck — Henrik Becker, 2022

Im Projekt Fisch 18 von Henrik Becker nimmt die Marmorsäule erneut eine zentrale Position ein. Sie ist nicht nur ein tragendes Element, sondern eine Präsenz, die den Raum ordnet und sein visuelles Gleichgewicht bestimmt. Ihre archetypische Form wird durch eine reduzierte, zeitgenössische Sprache neu interpretiert, in der Solidität und Leichtigkeit miteinander verbunden sind. Die Verkleidung aus Marmorplatten verleiht der Säule einen dauerhaften Charakter, der mit der zurückhaltenden Gestaltung ihrer Umgebung in Dialog tritt.

Statt die Vergangenheit lediglich zu zitieren, wird die Säule zur zeitgenössischen Interpretation einer ursprünglichen Form. Der Stein verstärkt ihre Präsenz, ohne sie zu beschweren, und macht sie zum stillen Mittelpunkt des Raums.

Ein Material, das Räume gestaltet

Mit den ausgewählten Projekten überwindet Marble Interiors die Vorstellung von Naturstein als rein dekorativer Oberfläche. Marmor kann einen Raum optisch erweitern, einen Übergang definieren, ein Kunstwerk umschließen oder einem architektonischen Element neue Bedeutung verleihen.

Technik, Verarbeitung und Gestaltung werden Teil einer gemeinsamen Sprache, in der sich die Eigenschaften des Materials in Planungsinstrumente verwandeln. Stein wird nicht nur auf Architektur aufgebracht: Er trägt dazu bei, sie zu gestalten, zu verändern und zu erzählen.